Sharing als zentrale Komponente zukünftiger Mobilitätsservices

Robo-Taxi oder Robo-Ridesharing?

Mobilität im Wandel

Wie werden autonome Fahrzeuge die Mobilitäts-Landschaft verändern?

Die meisten Experten und Beratungsfirmen sind sich einig: Wir werden in den nächsten Jahren einen grundlegenden Wandel im Mobilitätsmarkt sehen. Nicht nur, weil die Autos Schritt für Schritt hin zum autonomen Fahren entwickelt werden. Sondern auch, weil die Nutzung der Fahrzeuge alle Möglichkeiten offen lässt. Vielleicht fahren dann ganz viele Autos sogar ohne Passagier durch die Straßen und sorgen für entsprechende Verkehrsprobleme? Oder werden autonome Fahrzeugflotten Teil des ÖPNVs und die Städte entlasten?

Im Prinzip möchte der Passagier von A nach B und dies schnell, sicher und preiswert. Der individuelle Mobilitätsbedarf (die Fahrt zur Arbeit, die Urlaubsreise, der Weg zum Einkaufen oder die Kinder in die Schule bringen) und die Nutzung stehen im Vordergrund – nicht der Besitz eines Autos oder einer Monatskarte.

Digitalisierte Anwendungen und Services sind heute in vielen Bereichen des Personenverkehrs nicht mehr wegzudenken. Die Bahnfahrt oder Flugreise wird mit dem Smartphone organisiert und zunehmend direkt gebucht und bezahlt. Das größte „Taxiunternehmen“ der Welt (Uber) besitzt keine Taxis und der größte Fernbusbetreiber in Deutschland (Flixbus) besitzt keine Busse – stattdessen betreiben beide einen Marktplatz der digitalen Vermittlung. Mobilität wird nicht mehr über den Besitz und Betrieb des fahrenden Gefäßes definiert, sondern als Service, der einfach und effizient für den Kunden ist (Stichwort „Mobility as a Service“ (MaaS)). Die „Mobilitätsprodukte“ werden 100% aus Nutzersicht kreiert: Nicht der Fahrplan gibt vor, wann ich wie wohin fahren kann, sondern die Kundenbedürfnisse steuern die Produktentwicklung sowie das Angebot.

Fast alle Automobilhersteller sind dabei, den strategischen Wandel einzuleiten – vom Fahrzeughersteller hin zum Mobilitätsdienstleister. Wie die Geschäftsmodelle aussehen werden, ist noch nicht sicher. Verkauft der Autobauer seine Autos an einen Flottenbetreiber oder sichert er sich selbst Marktanteile, die bis zum Endkunden gehen? Eines ist sicher: wir werden noch viele Partnerschaften und Geschäftsmodelle kommen und gehen sehen. Die derzeitigen Verschiebungen und vielfältigen Angebote im Carsharing-Markt oder im Fernbusgeschäft machen dies deutlich.Welche Rolle der ÖPNV in Zukunft spielt, ist auch noch nicht sicher. (Selbstfahrende Autos – wird der klassische ÖPNV obsolet?).

Quelle: UITP/üstra

Wie viele (autonome) Autos befinden sich 2035 im Privatbesitz?

Wie werden die autonomen Fahrzeuge genutzt?

Bleiben die Besitz- und Nutzungsverhältnisse vergleichbar zur heutigen Zeit, geht mit dem autonomen Fahren aller Voraussicht nach die Unfallstatistik nach unten. Und weil die Autos der Zukunft elektrisch betrieben und mit regenerativer Energie geladen werden, verbessert sich auch die Luft- und Lebensqualität.

Aber:

Es gibt auch die berechtigte Sorge, dass das autonome Auto erst recht zum Verkehrskollaps führen könnte. Noch mehr Menschen würden das Auto nutzen, da es einfach und praktisch ist. Der ÖPNV würde geschwächt, weil er nicht kundenfreundlich und konkurrenzfähig wäre. Staus könnten immer noch entstehen, Parkplätze wären weiterhin Mangelware – vielleicht kreist mein Auto solange um den Block, bis ich mit dem Einkaufen fertig bin?

Auch das Fahrtenaufkommen insgesamt würde steigen, da das rein autonome Fahren auch neue Personengruppen (ältere Menschen oder Kinder) einlädt, mit dem Auto „alleine“ zu fahren. Autofahren wird noch einfacher! Zahlreiche Studien sagen einen Anstieg der Fahrleistung für den Personentransport voraus. Schon heute sind in Großstädten 30% des Verkehrsaufkommens in der Stadt Parkplatzsuchverkehr!

Und immer noch haben wir dann kein Fahrzeug, sondern ein „Stehzeug“, welches in den meisten Fällen 23 Stunden am Tag ungenutzt bleibt. Aufgrund dieser – schon heute – schwierigen Situation hatte flinc 2015 die Initiative 2proAuto im Rhein-Main-Gebiet ins Leben gerufen.

Die gute Nachricht ist: mit hoher Wahrscheinlichkeit wird mit den Veränderungen in der Mobilität ein Wandel eintreten, der die Ökonomie des Teilens ins Zentrum der neuen Mobilitätsservices rückt – auch oder gerade im Individualverkehr.

Sharing wird eine zentrale Komponente werden

Ob Zug, Bus oder Straßenbahn: der ÖPNV ist heute schon der größte „Sharing“- Mobilitätsdienstleister, der mehrere Menschen auf gleichem Wege befördert. Er könnte sich neu erfinden und mit optimierten, autonom fahrenden Fahrzeugen bedarfsorientierte Mobilität anbieten.

Wenn selbstfahrende Fahrzeuge als Robo-Taxis oder Mini-Busse von Passagieren gemeinsam genutzt werden (Ridesharing, Ridehailing, Carsharing, etc.), wird sich die Zahl der Fahrzeuge auf den Straßen dramatisch reduzieren. Diese geteilten, autonom fahrenden Fahrzeuge können so zu einem sehr effizienten Transportsystem werden.

Schon heute setzen flexible Angebote wie beispielsweise Carsharing, Taxi-Pooling, Uber mit Uber Pool, Lyft mit Lyft Line oder On-Demand-Innenstadt-Shuttles auf diese Komponente.

Welche Auswirkungen das Pooling von Kleinbussen hat, hat die flinc GmbH 2016 in einer Studie am Beispiel der Stadt Hamburg untersucht: Die Ersetzung aller Privatfahrzeuge durch ein Shuttle-System führte zu 97% weniger Autos – ohne Einschränkungen der Mobilität. Die Ergebnisse sind vergleichbar mit den Resultaten von Studien in Lissabon oder Stuttgart.

5 positive Aspekte und Treiber für „Sharing“ im Mobilitätsbereich

1.) Wirtschaftlichkeit / Geschäftsmodell

Ob McKinsey, Boston Consulting Group, Deloitte oder andere Beratungsfirmen, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen: alle stellen in ihren Modellen fest, dass Ridehailing inkl. Sharing ein zukunftsträchtiges und wertvolles Geschäftsfeld ergeben. Das unterstreichen die Zahlen von Uber, der Marktführer auf diesem Gebiet: Mit über 10 Milliarden Dollar Funding ist es eines der bestfinanzierten Startups überhaupt.

Ford hat in seinem jüngsten Aktionärsbericht das Ziel ausgerufen, eine große Flotte an autonomen Fahrzeugen für den Ridesharing-Markt zu bauen. Dies wird untermauert mit entsprechenden Wirtschaftszahlen.

Geteilte autonome Fahrzeugflotten sind auch eine Chance für neue Geschäftsmodelle. So werden hybride Geschäftsmodelle zwischen Personenverkehr und Warenlieferung zum Beispiel schon heute von Uber oder in Indonesien von Go-Jek erprobt.

Mobilitätskosten sind für viele Haushalte nach der Miete der zweithöchste Kostenfaktor. Mobilitätskosten für die einzelnen Haushalte fallen bei diesem Szenario (geteilte Fahrzeuge) in Zukunft deutlich niedriger aus.

Quelle: BCG analysis

Daraus könnten sich sogenannte „Low Cost Transportation Provider“ entwickeln und heutigen Betreibern – auch dem bestehenden ÖPNV – große Konkurrenz machen. Ähnlich erging es in den letzten Jahren den alteingesessenen Airlines, die mit den agilen Billigflug-Anbietern kaum Schritt halten können. Damit werden wiederum neue Kundensegmente erschlossen.

Hohe Mobilitätskosten fallen auch bei Unternehmen an. Daher gibt es eine große Nachfrage von Firmenflotten, den eigenen Fahrzeugpool besser zu nutzen – ihn also besser auszulasten und zu teilen.

Alle Fahrzeugmodelle in großen Stückzahlen werden auf Basis von Fahrzeugplattformen gebaut. Der SEAT Leon und der VW Golf sind zum Beispiel Plattformbrüder. Große Sharing-Flotten können auf einer Plattform kostengünstig entwickelt und gebaut werden. Da die Laufleistung dieser Fahrzeuge in kurzer Zeit viel höher sein wird, ist dies auch für die Fahrzeughersteller ein interessanter Business Case.

Digital erfasste Mobilitätsdaten können für weitere Geschäftsfelder genutzt werden und stellen vielleicht den größten Wert in der zukünftigen Mobilitätsbranche dar. Nicht zuletzt Google ist deshalb einer der aktivsten Player in diesem Geschäft. Insbesondere die Verknüpfung von Google Waze und Google Waymo ist sehr spannend.

2.) Verkehrsentlastung, Raumplanung, Stadtplanung

Früher wurden Städte rund um das Auto geplant. Inzwischen fokussieren sich Stadtplaner darauf, die Innenstädte lebenswerter zu machen. Fußgänger und Radfahrer rücken in den Mittelpunkt. Viele Städte planen Fahrradautobahnen, und doch fehlt oft der Raum dafür, diese im heutigen Straßenbild zu verwirklichen.

Geteilte autonome Autos, die keinen Parkraum mehr am Straßenrand brauchen, erzeugen Platz für eine völlig neue Nutzung von Wohnquartieren mit Grünflächen.

Die Städte mit hoher Lebensqualität prosperieren, indem sie weitere Menschen anziehen und die Wirtschaft ankurbeln.

3.) Immobilien

Die Nachfrage nach freien Flächen und Immobilien steigt in urbanen Gebieten. Stadtplaner und -entwickler finden keine Grundstücke mehr, um bezahlbaren Wohnraum bauen zu können. Werden Parkplätze und Parkhausgrundstücke nicht mehr benötigt, können diese zu Wohnraum umgebaut werden. Neue Immobilienprojekte und Wohnquartiere werden auch mit Blick auf die sich verändernde Mobilität neu gedacht.

In München Domagkpark und Prinz-Eugen-Park werden Mobilitäts-Hubs bereits bei der Planung berücksichtigt, um alle Arten von Mobilitätsangeboten zusammenzuführen.

4.) Umwelt

Städte müssen sich an EU-Regeln zur Luftreinhaltung halten. Einige Städte sind bereits verklagt worden und müssen jetzt aktiv werden und Maßnahmen einleiten, die die Luftqualität verbessern. Citymaut und Verbote für Autos mit Verbrennungsmotoren sind in Planung. Ein großer Teil der Feinstaubemissionen, der durch den Verkehr entsteht, kommt aber nicht nur vom Verbrennungsmotor, sondern auch vom Brems-, Straßen- oder Reifenabrieb. Geteilte Fahrzeuge befördern mehr Personen pro Strecke, entsprechend gibt es hier ebenfalls ein wichtiges Argument für elektrisch betriebene, geteilte Fahrzeuge.

Dies ist beispielsweise auch die aktuelle Argumentationsgrundlage für Uber, die hiermit politische Überzeugungsarbeit leisten, um gesetzliche Regelungen zu verändern.

5.) Gesellschaft

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Wandel: Zugang wird wichtiger als Besitz. Der Besitz eines Autos hat heute nicht mehr einen so hohen Stellenwert wie früher. Sich ein Auto teilen, das Fahrrad für eine Stunde mieten oder Carsharing nutzen – all dies gehört neben dem ÖPNV im urbanen Raum schon zum Mobilitätsalltag.

Geteilte autonome Fahrzeuge, deren Nutzung sich fast jeder leisten kann, würden auch einkommensschwachen Personengruppen Zugang zu besserer Mobilität geben.

Status Quo zum Thema Ridehailing inkl. Sharing:

Als Uber Pool gestartet wurde, gab es viel negatives Feedback und Vorhersagen, dass das Produkt bald eingestellt würde („Die Nutzer wollen das nicht…“). Tatsache ist, dass nach einer Anfangsphase inzwischen 20% der weltweiten Uber-Fahrten mit Uber Pool stattfinden und so neue Kunden gewonnen werden konnten.

Der Begriff Ridesharing wird von Uber, Lyft und anderen Diensten schon standardmäßig für die Bezeichnung ihrer Dienste genutzt, obwohl oft noch gar kein „Sharing“ stattfindet.

Welche regulatorischen Elemente werden in Zukunft die Entwicklung hin zum „Robo-Ridesharing“ unterstützen?

Grenzwerte für Luftreinhaltung und die Reduktion von Verkehrsunfällen werden wichtige politische Treiber in Richtung Robo-Ridesharing sein.

Es wird nicht mehr hingenommen, dass Verletzte und Verkehrstote „dazugehören“. New York City hat zum Beispiel einen „Vision Zero“-Plan ausgerufen, der zum Ziel hat, dass es in der Stadt gar keine Verkehrstoten mehr gibt.

Wenn sich zeigt, dass die Zahl der Verkehrsunfälle mit steigender Anzahl autonomer Autos sinkt, dann werden viele Städte ein Verbot für manuell gefahrene Fahrzeuge in Erwägung ziehen.

Private Autos werden zunehmend aus den Städten verbannt und müssen durch alternative flexible Verkehrsangebote ersetzt werden.

Im öffentlichen Nahverkehr gibt es auch eine deutliche Tendenz, den Markt zu deregulieren. Immer mehr private Anbieter übernehmen diese Aufgaben unter behördlicher Regelung und Auflagen.

Die Planungs- und Infrastrukturkosten für eine neue U-Bahn oder Straßenbahn sind gewaltig. Planungs- und Bauzeiträume von 20-30 Jahren sind durchaus nicht die Seltenheit. Mit Hinblick auf einen intelligenten Schwarm geteilter, autonom fahrender Autos können einige dieser Großprojekte als hinfällig betrachtet und die Investitionen anderweitig verwendet werden.

Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Autonome Fahrzeugflotten werden nur dann politische Akzeptanz finden und wirtschaftlich sinnvoll zu betreiben sein, wenn der Sharing-Anteil entsprechend hoch ist. Der Anfang ist gemacht – On-Demand-Mobilität, Carsharing und Ridehailing sind bereits heute der Türöffner, um die zukünftigen Kundensegmente zu gewinnen.

Autor: Slavko Simic