Selbstfahrende Autos – wird der klassische ÖPNV obsolet?

Digitalisierung verändert unsere Mobilität – Fahrpläne und Tickets gibt es heute bereits per App und auch das Taxi lässt sich mit dem Smartphone rufen. Mit der Entwicklung fahrerloser Autos und Busse steht jetzt eine Revolution im Mobilitätsmarkt bevor. Obwohl diese für viele Menschen noch nicht spürbar ist, sind in den USA und Asien bereits vollautonome Taxis im Testbetrieb und auch in Europa wurden die ersten Pilotprojekte gestartet.

Der Fortschritt im Mobilitätsmarkt wird heute verstärkt durch IT-Unternehmen wie Google, Didi Chuxing oder UBER gestaltet – und nicht mehr nur von traditionellen Verkehrsbetrieben. Auch Automobilkonzerne wandeln sich zu weltweiten, strategischen Mobilitätsanbietern. Der reine Fahrzeugbau wird in Zukunft eine immer kleinere Rolle spielen.

Die Zukunft der öffentlichen Verkehrsunternehmen steht – insbesondere im urbanen Raum – auf dem Spiel. So erklärt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in einem Positionspapier, dass durch die autonome Technologie heutige Nutzer-, Besitz- und Betreibermodelle grundlegend in Frage gestellt werden.

Doch auch ohne vollautonome Verkehrsmittel ist der Wandel des Mobilitätsmarkts bereits in vollem Gange. So gehen dynamische, bedarfsorientierte Mobilitätsangebote individuell auf Kundenbedürfnisse ein. On-Demand-Services, die den Fahrgast, ähnlich wie ein Taxi, von A nach B bringen, werden Schritt für Schritt den klassischen Linienbus ablösen und die Grundlage für den zukünftig autonomen Verkehr bilden.

Datengetriebene Mobilität

Unternehmen wie Google oder UBER nutzen Informationen, die sie über ihre Smartphone-Apps erhalten, um ihre Services ständig zu verbessern. Welche Fahrzeuge werden wann und auf welchen Strecken benötigt, um den Bedarf optimal abzudecken? Welche Personengruppen kommen für das Angebot in Frage? Was ist das beste Angebot für die jeweilige Personengruppe? Wie viele Fahrer werden sonntags um 18:30 Uhr in diesem Gebiet oder auf dieser Strecke benötigt? Amazon ist durch kundenzentrierte Analyse und Angebote zur Nr. 1 im E-Commerce Markt aufgestiegen – UBER greift jetzt mit derselben datengetriebenen und kundenzentrierten Arbeitsweise die Mobilitätsbranche an.

Das Zauberwort ist Big Data. Auf Basis von Datenanalysen wird die Nachfrage bestimmt und das Angebot aufgebaut. Jeden Tag kommen neue Informationen hinzu, die dieses Angebot optimieren und anpassen. Demgegenüber steht der klassische ÖPNV, der Daten über die Auslastung von Bussen, Nachfrage auf neuen Strecken und die exakte Auswirkung von Verspätungen nicht erfasst.

Verkehrsplanung erfolgt heute in Vier- bis Achtjahresrhythmen. Veränderungen brauchen also Jahre, manchmal auch Jahrzehnte. Private Anbieter sind weitaus schneller und flexibler. Sie können moderne bedarfsorientierte Mobilitätsangebote innerhalb weniger Wochen oder Monate bereitstellen. Im verkehrsplanerischen Sektor müssen Prozesse grundlegend überarbeitet werden, um ein datengetriebenes Vorgehen zu ermöglichen. Es muss alles getan werden, um private Autos, die meist ungenutzt bleiben und in denen im Durchschnitt nur eine Person sitzt, aus den Städten zu verbannen.

Dynamische Mobilität

Daten zeigen, wo Bedarf besteht: Ein dynamisches Angebot kann exakt auf diesen Bedarf eingehen. In den USA und Asien gibt es bereits mehrere sogenannte DRT-Anbieter (Demand Responsive Transport) wie UBER, Via, Chariot oder Bridj. Mit Shuttles in Form von PKW, Klein- und Großbussen bringen sie neue Kunden dazu, tägliche Wege statt mit dem eigenen Auto mit ihren Services zurückzulegen. Hervorzuheben ist, dass diese Dienste konsequent aus Kundensicht aufgebaut werden. Buchung und Bezahlung laufen zeitgemäß über die jeweilige App und es gibt sogar schon die ersten Flatrate-Modelle – analog zu einem ÖPNV-Monatsticket. Fahrtrouten werden jeden Tag aufs Neue festgelegt und auf den Kundenbedarf optimiert. Teilweise ergänzen diese Systeme den ÖPNV, teilweise ersetzen sie diesen.

Die Einführung dynamischer Shuttles ist der richtige Schritt, um schon jetzt auf Kundenbedürfnisse einzugehen und Technologien sowie Prozesse auf vollautonome Fahrzeuge vorzubereiten. Offen ist noch, ob ÖPNV-Unternehmen diese dann betreiben werden. Oder ob wir unsere Monatskarte in Zukunft vielleicht doch bei UBER oder Daimler kaufen werden. Dies ist ein sehr realistisches Szenario, sofern sich der klassische ÖPNV nicht zu datengetriebenen und dynamischen Angeboten entwickelt. Ford hat jüngst den DRT-Anbieter Chariot für 65 Millionen Dollar übernommen. Ab 2025 sieht Ford mit dynamischen Shuttlebussen einen Markt von 100-200 Milliarden Dollar. VW hat angekündigt, ein ähnliches Shuttle-System in Hamburg betreiben zu wollen.

Für Automobilkonzerne, Verkehrsunternehmen, Städte und Politik ist es mehr denn je an der Zeit, die Zukunft der Mobilität gemeinsam zu gestalten – unter Berücksichtigung des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der damit verbundenen grundlegenden Veränderung traditioneller Geschäftsmodelle. Es besteht dringender Handlungsbedarf, denn größere Städte ersticken schon heute im Autoverkehr.

Einen tieferen Einblick über das gesamte Themengebiet liefert auch der 15-minütige Vortrag von unserem Gründer Benjamin Kirschner, der im Rahmen der 2proAuto-Initiative im DB Lab in Frankfurt am Main gehalten wurde. Auch flinc bietet mit flott eine dynamische Shuttle-Plattform für Verkehrsunternehmen an. 

Autor: Slavko Simic